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Am 29. Juli 2018

Am 29. Juli 2018
Am 29. Juli 2018

Eine Psychotherapeutin, die viel im Ausland gearbeitet hat, sagte einmal: „Nirgendwo sonst sei der innere Glaubenssatz, man müsse sich das Recht zu leben durch Nützlichkeit verdienen, so verbreitet wie hier.“ Ich weiß nicht, ob das wirklich in Gänze stimmt, aber es ist bestimmt etwas dran. Dass wir uns selbst und unsere Beziehungen zu andere Menschen nach Leistungsfähigkeit und Nützlichkeit beurteilen, ist tief in unserer kulturellen DNA verankert. Die Frage, „was bringt es mir“ wenn ich mich auf diesen Menschen einlasse, oder wenn ich mich für diese oder jene Gruppe engagiere, wird immer mitgedacht. Auch unser eigenes Selbstwertgefühl hängt massiv davon ab, wie viel wir leisten können und was wir uns leisten können.

Besonders augenfällig wird mir das, wenn ich alte und kranke Menschen besuche. Wie oft habe ich sie schon traurig sagen hören: „Ja, früher da konnte ich noch viel arbeiten, da hab ich dieses und jenes gemacht. Aber jetzt …“ Aber jetzt – so könnte man den Satz weiterführen – fühle ich mich nutzlos und falle den anderen nur noch zur Last. Und wie schnell fällt das Selbstwertgefühl von Menschen in sich zusammen, deren Leistung dauerhaft nicht mehr gefragt ist.

In unserer Kultur bestimmen wir unseren Wert, unsere Identität, über das, was wir leisten können im materiellen, wie im ideellen Bereich. Trotzdem sehnen wir uns tief im Inneren danach, einfach so sein zu dürfen, wie wir sind, einfach angenommen zu sein und leben zu dürfen, nur weil wir da sind.

Nur einer kann diese Sehnsucht erfüllen: Gott selbst, der uns erschaffen hat, nicht weil er uns braucht oder weil wir ihm nützlich sind, sondern weil er sich an uns freut und diese Freude mit uns teilen möchte. In Jesus Christus lädt er jeden ganz persönlich ein, sein Kind zu werden und in diese Freude einzutreten und so die eigene, wahre Identität und Würde zu entdecken. Ganz unabhängig von Leistung und Nützlichkeit. Gott hat uns nicht erschaffen, damit wir etwas leisten und uns unseren Wert verdienen. Gott hat uns erschaffen „zum Lob seiner Herrlichkeit“ wie der Apostel Paulus schreibt. Ziel unseres Lebens ist Lob, Dank und Freude, ganz unverdient.

Diakon Roger Uhrig