Wort zum Sonntag am 31.01./01.02.2026
Gute Zeiten sind möglich!
Kürzlich machte ich eine für mich erschreckende Erfahrung: ich erzählte einem jungen Menschen von einer Begebenheit, die über 30 Jahre zurückliegt. Kann das sein? Bist du wirklich schon so alt geworden, dass du Geschichten aus einer ganz anderen Welt mit dir herumträgst?
Ich zähle mich noch nicht zu den Alten. Zahlreiche Lebenserfahrungen sind aber schon im Gepäck. Ist es angemessen, dass mir das einen Schrecken einjagt? Krisen und Chancen gehören immer zusammen. In den jungen Jahren muss man durch einige Veränderungen und die Anstrengungen der Ausbildung gehen. Wenn nach der Lebensmitte die Kräfte geringer werden, können sich gesundheitliche oder andere Krisen hinzugesellen. Aber das Leben ist eben nicht nur eine Abfolge von Krisen, sondern auch von Chancen! Ältere Menschen sehen, hören und empfinden mitunter, was den jüngeren verborgen bleibt.
In der kommenden Woche präsentiert uns das Fest der Darstellung des Herrn am 2. Februar zwei solche älteren Personen: Hannah und Simeon. Beide befinden sich im Tempel von Jerusalem. Maria und Josef bringen ihren Sohn Jesus dorthin. Mit all ihrer Erwartung und Lebenserfahrung ist es Hannah und Simeon möglich, in diesem Kind mehr zu sehen als bloß ein Kind. Sie erkennen in ihm ein Licht, das alle Menschen erleuchtet.
Viele ältere Menschen machen ähnliche Erfahrungen. Sie sehen die nächste und übernächste Generation und haben mitunter schon verheißungsvolle Ahnungen, was einmal aus diesen Mädchen und Jungen werden kann. Ich finde es wunderbar, dass das Neue Testament uns in Hannah und Simeon zwei Menschen präsentiert, die im Alter derart weit blicken können. Es sind alte Menschen voller Hoffnung und Vertrauen. Die Jugend braucht die Hoffnung der Alten. Die Alten brauchen die Frische der Jugend. Die Generationen gehören zusammen. So wie Jesus im Tempel als ein Licht für alle Menschen erkannt wurde, so sollten auch wir nicht nur davon sprechen, welche Krisen gerade durchlebt werden oder noch bevorstehen. Lebenserfahrung muss uns nicht erschrecken. Sie ist eine Kraftquelle! Gute Zeiten sind möglich! Reden wir doch wie Hannah und Simeon von den Chancen und Möglichkeiten und davon, welches Licht durch jede und jeden von uns in diese Welt kommt!
Dr. Christof Strüder ist Pfarrer der katholischen Pfarrei „St. Elisabeth an Lahn und Eder.“